Therapieformen
Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass jedes Verhalten nach gleichen Prinzipien
erlernt, aufrechterhalten und auch wieder verlernt werden kann. Dabei wird unter Verhalten
nicht nur die äußerlich sichtbare Aktivität des Menschen verstanden, sondern auch die
inneren Vorgänge wie Gefühle, Denken und körperliche Prozesse. Die Auseinandersetzung mit
der Umwelt erfordert zahlreiche Lern- und Anpassungsleistungen. Wir fühlen uns wohl, wenn
wir in der Lage sind, auf diese psychischen und physischen Anforderungen flexibel und unter
angemessener Berücksichtigung unserer Bedürfnisse selbstverantwortlich zu reagieren.
Reichen die eigenen Fähigkeiten nicht aus, um zentrale Bedürfnisse wie die nach sozialer
Sicherheit, befriedigenden Beziehungen oder selbstbestimmter Lebensgestaltung zu erfüllen
oder stehen äußere Umstände dem entgegen, wird das Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Folgen
können seelische und körperliche Erkrankungen sein.
Die Wirkung der Verhaltenstherapie besteht nun darin, in und außerhalb der Behandlung
Lernprozesse in Gang zu setzen. Der Betroffene soll in die Lage versetzt werden, eigene -
oft gewohnheitsmäßig ablaufende - Verhaltensmuster zu verändern, die bislang seinem
Wohlbefinden im Wege stehen.
So kann ein depressiv Erkrankter während der Therapie lernen, sich selbstsicherer zu
verhalten und damit in der Begegnung mit anderen Menschen befriedigendere Erfahrungen zu
machen. Häufig genug tragen auch früh erworbene Denkmuster, wie "ich kann nur zufrieden mit
mir sein, wenn ich mindestens ebenso gut bin, wie alle anderen in meiner Umgebung" zu
Störungen bei. Ein derart verzerrter Maßstab ist auf Dauer nicht durchzuhalten. Vielmehr
führt er zu einer tiefsitzenden Unzufriedenheit, Versagensängsten sowie anderen negativen
(Selbst)Beurteilungen und kann längerfristig oder in besonderen Belastungssituationen zu
einer seelischen Störung oder zu körperlichen Beschwerden beitragen. Hier gilt es, andere
angemessenere und erreichbare Ziele zu entwickeln und sich nach realistischeren Maßstäben
bewerten zu lernen.
Wenn es möglich und notwendig ist, wird versucht, wichtige Bezugspersonen in die Therapie
mit einzubeziehen oder Veränderungen in der Umgebung (Wohnung, Schule, Arbeit) zu fördern,
die im Zusammenhang mit den Beeinträchtigungen stehen und zu einem gesünderen Leben
beitragen können.
Als Ratsuchender nimmst du vom Beginn einer Therapie an aktiv an einem intensiven und
konzentrierten Prozess teil: Die Entwicklung deiner Persönlichkeit, deine aktuelle
Lebenssituation, die Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen, art Art, sich selbst und die
Umwelt wahrzunehmen, und deine Fähigkeiten, die verschiedenen Anforderungen des Alltages zu
bewältigen, werden eingehend erfragt. Zusätzlich wird der Therapeut dich oft bitten,
Fragebögen auszufüllen oder detaillierte Tagesaufzeichnungen anzufertigen. Diese Phase soll
dem Therapeuten einen umfassenden Überblick über alle wichtigen Bedingungen geben, die im
Zusammenhang mit den aktuellen Schwierigkeiten von Bedeutung sind. Ein weiterer Schwerpunkt
in dieser Phase der Informationsaufnahme ist die Verständigung darüber, welche konkreten
Ziele und Erwartungen du mit der Therapie verbindest.
Als Ausgangspunkt für die eigentliche Behandlung wird gemeinsam ein sog. Bedingungs- oder
Erklärungsmodell erstellt. Dieses individuell für dich zugeschnittene Modell soll deine
psychischen Beeinträchtigungen verstehen helfen. Dazu werden die erhobenen Erkenntnisse
deiner Lerngeschichte und die derzeitigen Lebensbedingungen auf dem Hintergrund von gut
geprüften Erkenntnissen aus der Therapieforschung in einen für dich verstehbaren
Zusammenhang gebracht. Darauf aufbauend wird mit dir das weitere Vorgehen geplant.
Du wirkst also von Anfang an verantwortlich und bestimmend an deiner Therapie mit.
Wichtigstes Ziel der gemeinsamen Arbeit ist, dich in die Lage zu versetzen, letztlich dein
eigener Therapeut zu werden. Deshalb wird dir alles, was für den Heilungsverlauf wichtig
ist, verständlich und nachvollziehbar dargelegt. Deine Wünsche und Bedürfnisse bestimmen
weitgehend die Inhalte und den Ablauf der Behandlung. Andererseits ist es notwendig, dass
du in den und außerhalb der Gespräche - auch wenn es Anstrengung und Überwindung kostet -
dich darauf einlässt, neue Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren und einzuüben.
Häufig wirst du im Verlauf einer Verhaltenstherapie ein Entspannungsverfahren wie Autogenes
Training oder das Verfahren zur Muskelentspannung erlernen. Dies ist oft ein erster Schritt,
Anspannung und Stress zu vermeiden bzw. zu verringern.
In Rollenspielen wirst du üben, dich in sozialen Situationen selbstsicherer zu verhalten.
Geht es darum, dass Angstzustände dich daran hindern, sich frei und unbeschwert in deiner
Umgebung zu bewegen, so wirst du - gezielt und deinen Möglichkeiten angepasst - darauf
vorbereitet, die betreffenden Orte und Situationen direkt in Begleitung des Therapeuten
aufzusuchen.
Nach und nach erprobst du die in der Therapie neu erworbenen Bewältigungsmöglichkeiten und
entwickeln die Fähigkeit, besser und mit weniger Beeinträchtigungen im Alltag zu bestehen.
Verhindern selbstabwertende Gedanken oder zu hohe Selbstansprüche Zufriedenheit mit deiner
eigenen Person, wirst du lernen, die Bedeutung dieser Gedanken zu hinterfragen. Nach dem
Motto "Nicht die Dinge machen unglücklich, sondern wie wir sie betrachten" werden
unrealistische Selbsteinschätzungen oder verzerrte Wahrnehmungen der Welt zu korrigieren
versucht.
Die Therapie kann in Form von Einzelgesprächen durchgeführt werden, in Gruppen stattfinden
oder unter Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen erfolgen.
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