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von meryl
Traumatisierung von Kindern durch Gewalt und Vernachlässigung in der Familie
Vortrag für die Pflegeeltern der Stadt Herzogenrath am 25.03.2003
Traumata - vom Zwang
des Vergessens
der Sprachlosigkeit
und der Wiederholung
zum heilsamen Erinnern
Was ist ein Trauma? - Definition
Ein Trauma ist eine lebensbedrohliche oder als solche erlebte Situation, die den
Betroffenen aufgrund ihrer Plötzlichkeit und/oder Heftigkeit/Intensität (lang anhaltend,
permanent ansteigend) in einen ungeschützten Angst-Schreck-Schock versetzt. Der
Betroffene fühlt sich in einer traumatischen Zange: er kann weder fliehen noch kämpfen,
noch sich der Situation anpassen, sondern ist der Situation hilflos ausgeliefert.
Er gerät dadurch in einen Schock- bzw. Verwirrungszustand mit extremen Gefühlen von
(Todes-)Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Bei diesem Schock werden alle
geistigen Funktionen, die Steuerung der Gefühle und die Körperfunktionen verwirrt und
oft nachhaltig erschüttert. Das kann auch geschehen, wenn jemand Augenzeuge
erschreckender Ereignisse wird.
Beispiele für (oft einmalige) T-Traumata: Naturkatastrophen, Unfall, Brand, Überfall,
Vergewaltigung, Krieg, invasive (in den Körper eingreifende) medizinische Behandlungen
z.B. bei Frühgeborenen.
Beispiele für oft über längere Zeit immer wiederkehrende T-Traumata: Dauerstreit/
Feindseligkeit in der Familie, wiederholter Misserfolg mit Demütigungen in der
Schule, Krankenhausaufenthalte, körperliche Misshandlung, seelische Gewalt mit
Demütigungen und Ablehnung, sexuelle Gewalt, Kriegshandlungen u.ä.
Traumatisierung bei Pflegekindern
Pflegekinder haben meist in ihrer Herkunftsfamilie über einen längeren Zeitraum hinweg
Vernachlässigung, seelische Gewalt, körperliche Misshandlung und/oder sexuelle Gewalt
erlebt. Nicht selten waren sie Opfer mehr als einer Form der Vernachlässigung oder
Misshandlung. Man kann davon ausgehen, dass die Kinder viele Situationen erlebt haben,
die für sie bedrohlich waren und bei ihnen massive Ängste ausgelöst haben, ohne dass
sie in der Lage gewesen wären, wirksam etwas dagegen zu unternehmen oder zu fliehen.
Die erlebten Belastungen und Bedrohungen können, müssen aber nicht eine traumatische
Qualität gehabt haben. Nicht jede hoch mit Stress und unangenehmen Gefühlen verbundene
Situation ist traumatisch und ob eine Situation für einen bestimmten Menschen eine
traumatische Qualität und Wirkung besitzt, hängt auch von den in ihm und in seinem
Umfeld vorhandenen Ressourcen ab.
Was passiert bei traumatischen Erlebnissen im Gehirn des Menschen?
Informationen und Eindrücke kommen im Gehirn zuerst Thalamus (Trichter):
emotional-affektive Eindrücke (Gefühle)
kognitive Eindrücke (Gedanken über sich selbst, andere, das Geschehen)
viszeral-vegetative Eindrücke (Körperempfindungen)
sensorische Eindrücke (Sinneswahrnehmungen)
optische Eindrücke (Bilder)
Von dort gelangen sie unsortiert in die Amygdala/Mandelkern ("heißer Speicher"):
Sie nimmt die Informationen ungefiltert und unbewertet auf, auch ohne
zeitliche Einordnung
Frühwarnsystem, sofortige Alarmbereitschaft
Normalerweise gelangen die Informationen von dort ins Broca-Sprachzentrum:
Dort werden Informationen sprachlich verarbeitet, ab dem Alter, in dem
Kinder sprechen lernen
Bei traumatischen Erfahrungen ist dieser Weg blockiert - es fehlt die Sprache,
um das Erlebte auszudrücken ("Mir fehlen die Worte")
Von dort aus gelangen die Informationen normalerweise in den Hippocampus:
Im Hippocampus werden die Informationen bewertet und eingeordnet,
auch zeitlich
Diese Einordnung geschieht mit kühlem, klarem Kopf (kalter Speicher)
Der Hippocampus ist so etwas wie die Bibliothek im Gehirn, die Informationen
sortiert aufbewahrt, so dass sie später wieder abgerufen werden können
Zur Speicherung von Informationen im Hippocampus braucht unser Gehirn
eine vollständige Geschichte mit Anfang, Ende, Verlauf und Bedeutung
(persönliche Bewertung)
Bei traumatischen Erfahrungen ist auch der Weg hierhin blockiert, so dass die
Informationen weder zeitlich noch nach anderen Kategorien eingeordnet
werden können
Alle Wahrnehmungen, die zur traumatischen Situation gehören (Bilder,
Geräusche, Gerüche, körperliche Empfindungen, Gefühle, Gedanken), sind
nicht als ein vollständiges Bild oder eine abgeschlossene Geschichte im
Gehirn gespeichert, sondern als unverbundene, einzelne Teile (wie Splitter
eines zerbrochenen Spiegels)
Aus dem Hippocampus werden die Informationen bei Bedarf in den Präfrontalen Kortex abgerufen:
Der Präfrontale Kortex, die "Festplatte" des Gehirns, ist zuständig für
Motivation (Einstellungen, Beweggründe) und das Verhalten, was von hier
aus gesteuert wird
Zur Steuerung des Verhaltens kann das Gehirn die Informationen aus dem
Hippocampus (in Ruhe überlegtes oder routiniertes ruhiges Verhalten) aus
aus der Amygdala (schnelle Reaktion auf Gefahr, z.B. bei Feuergeruch) abrufen
Alle Eindrücke und Wahrnehmungen, die den Betroffenen an das erlebte
Trauma erinnern (die "Spiegelsplitter"), führen dazu, dass die Informationen
aus der Amygdala sofort an den Präfrontalen Kortex geleitet werden, der
daraufhin reagiert wie beim Trauma, eine Reaktion auf Lebensgefahr.
Dadurch kommt es im Alltag häufig zu Fehlreaktionen, die die Umwelt nicht verstehen kann.
Das Kind kann nicht zur Ruhe kommen, weil jeder "Spiegelsplitter" wieder die
Angst und Hilflosigkeit hervorruft wie in der traumatischen Situation selbst
das Kind in dem Moment nicht unterscheiden kann zwischen Vergangenheit
und Gegenwart, sondern alles wieder so direkt erlebt, als wäre es gerade in
der traumatischen Situation.
Mögliche Folge: Posttraumatische Belastungsstörung
Traumatische Erlebnisse führen zu Reaktionen in einem oder mehreren der folgenden Bereiche:
Körperliche Folgen:
Zittern, Schwitzen, Erbrechen, Frieren, Erschöpfung,
Magen-, Herzbeschwerden, Brustschmerzen, Atemnot, Schwindel etc.
Kognitive Folgen:
Gedächtnisverlust, Entscheidungsschwierigkeiten, eingeengte
Wahrnehmung, Konzentrationsmangel etc.
Emotionale Folgen:
Angst, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Apathie,
Gereiztheit, Überforderung etc.
Folgen im Verhalten:
sich zurückziehen, besonders still sein oder besonders viel reden (oft das Gegenteil
des sonstigen Verhaltens des Kindes), Appetitlosigkeit oder maßloses Essen, motorische
Unruhe, zielloses Herumlaufen etc.
Etwa ein Drittel der Betroffenen erholt sich in einem Zeitraum von 3-6 Monaten allein.
Diese Menschen verfügen über ein stabiles familiäres Umfeld oder unterstützende
Bezugspersonen außerhalb der Familie, haben ausreichende Selbstheilungskräfte und/oder
gute Ausdrucksmöglichkeiten.
Etwa ein Drittel der Betroffenen verdrängen die Erinnerung an das Trauma und entwickeln sich scheinbar normal.
Die Erinnerungen sind dann abgekapselt und können zu einem späteren Zeitpunkt (u.U.
plötzlich und überflutend) ausbrechen.
Etwa ein Drittel aller Betroffenen kann die Traumafolgen nicht ohne Hilfe ohne Hilfe verarbeiten.
Dies kann mit dem Fehlen innerer und äußerer Ressourcen (Kraftquellen und Unterstützung)
zusammenhängen und/oder am Eintreten neuer, zusätzlicher Traumatisierungen.
Bekommen diese Menschen keine Hilfe, dann entwickelt sich eine Posttraumatische Belastungsstörung.
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