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 Presse


 Nordseezeitung vom 24.12.2003

Im Chat über Probleme reden

Studentin betreut einen Sorgentreff für Jugendliche im Internet

Eins dürfte Freunden von Susanne B. klar sein: An Montagabenden hat die Studentin für sie keine Zeit. Die 20-Jährige ist dann im Internet verabredet, von 20 bis 22 Uhr. Dann betreut sie ehrenamtlich eine Sorgentreff-Seite für Jugendliche.

Jeden Montagabend sitzt die Studentin vor ihrem Laptop und loggt sich auf der Seite www.sorgentreff.de ein.
Während der nächsten zwei Stunden liest sie die Diskussionsbeiträge der Jugendlichen im sogenannten Forum, beteiligt sich am Gespräch in den Chaträumen und kümmert sich um "Neuankömmlinge".
Auf die Sorgentreff-Seite gelangen in der Regel Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren, die Probleme haben mit sich selber, mit Freunden, mit der Familie.

"Wie bieten Hilfe zur Selbsthilfe", fasst die Lehramtsstudentin das Anliegen der fünf ehrenamtlich tätigen Frauen zusammen. Die Berliner Webdesignerin Susanne Müller-Baukrowitz hat den Sorgentreff ins Leben gerufen, der neben der Möglichkeit zu Austausch und Ratsuche auch Informationen über Beratungsstellen und Krisentelefone bietet.
270 Jugendliche nutzen bundesweit diese Möglichkeit zum Chat, rund 200 das Forum sagt Susanne B.

Selbst war sie durch Zufall auf diese Seite gestoßen. "Ich hatte mich auf verschiedenen Seiten über Essstörungen informiert und auch in den Foren mitgeschrieben." Sie gab Jugendlichen Tipps, schrieb, wie sie mit Problemen umgehen würde.
Die "Macher" des Sorgentreffs wurden auf sie aufmerksam und fragten, ob sie mitmachen wolle. "Ich hab drei Tage überlegt, denn die Verantwortung ist groß und der Zeitaufwand auch. Mir war klar, dass ich nicht nach zwei Wochen wieder aufhören kann, denn das Vertrauen ist schnell da".
Seit einem halben Jahr ist sie nun dabei, sitzt täglich am Computer, schaut sich die Beiträge der Besucher an, "das können schon vier Stunden am Tag sein".
Einige Jugendliche richten sich mit ihren Fragen direkt ans Team. "Das hat sich immer mehr verlagert auf Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden oder Essstörungen haben. Es sind auch viele dabei, die sich selber verletzen", fasst die 20-Jährige ihre Erfahrungen zusammen.

Grundkenntnisse hat sie sich im Psychologie-Leistungskurs an der Geschwister-Scholl-Schule angeeignet und seitdem "aus Interesse" weitergelesen. Dass sie keine Therapeutin ist, weiß die 20-Jährige. "Wir können nur anbieten, dass die Jugendlichen aus ihrer Isolation herauskommen und über ihre Probleme sprechen. Allein sind sie oft überfordert".
Im Chat erfahren die Jugendlichen oft zum ersten Mal, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine sind. Den ersten Schritt müssten sie dann selber gehen, sagt die Studentin. "Wir würden gerne professionelle Beratung von einem Psychologen anbieten, denn da stoßen wir an unsere Grenzen".

Derzeit ist der Verein Sorgentreff in Gründung, um über Spenden die Arbeit auf eine breitere Basis stellen zu können.

Dass der Austausch im Internet anonym ist, senkt die Hemmschwelle. "Beim Chatten hat man das Gefühl, der andere sitzt direkt neben einem, auch wenn er 600 Kilometer entfernt ist. Dabei seinem Gesprächspartner nicht in die Augenschauen zu müssen, erleichtert das Gespräch", erläutert Susanne B.
Werden Beiträge zu verletzend oder auf andere Weise kritisch, werden sie herausgefiltert. "Wer andere beleidigt oder sich lustig macht, fliegt raus."

Jenseits der Probleme werde aber auch viel gelacht, wie kürzlich beim Wichteln. Am 3. Advent öffneten in ganz Deutschland 20 Teilnehmer ihr Geschenk, und die anderen waren online dabei. "Für viele ist der Chat eine Art Familie."

(Nordsee-Zeitung, 24.12.2003)

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