Presse
Im Chat über Probleme reden
Studentin betreut einen Sorgentreff für Jugendliche im Internet
Eins dürfte Freunden von Susanne B. klar sein: An Montagabenden hat die Studentin für sie keine Zeit.
Die 20-Jährige ist dann im Internet verabredet, von 20 bis 22 Uhr. Dann betreut sie ehrenamtlich eine
Sorgentreff-Seite für Jugendliche.
Jeden Montagabend sitzt die Studentin vor ihrem Laptop und loggt sich auf der Seite www.sorgentreff.de ein.
Während der nächsten zwei Stunden liest sie die Diskussionsbeiträge der Jugendlichen im sogenannten Forum,
beteiligt sich am Gespräch in den Chaträumen und kümmert sich um "Neuankömmlinge".
Auf die Sorgentreff-Seite gelangen in der Regel Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren, die Probleme haben
mit sich selber, mit Freunden, mit der Familie.
"Wie bieten Hilfe zur Selbsthilfe", fasst die Lehramtsstudentin das Anliegen der fünf ehrenamtlich
tätigen Frauen zusammen. Die Berliner Webdesignerin Susanne Müller-Baukrowitz hat den Sorgentreff ins
Leben gerufen, der neben der Möglichkeit zu Austausch und Ratsuche auch Informationen über
Beratungsstellen und Krisentelefone bietet.
270 Jugendliche nutzen bundesweit diese Möglichkeit zum
Chat, rund 200 das Forum sagt Susanne B.
Selbst war sie durch Zufall auf diese Seite gestoßen. "Ich hatte mich auf verschiedenen Seiten über
Essstörungen informiert und auch in den Foren mitgeschrieben." Sie gab Jugendlichen Tipps, schrieb, wie
sie mit Problemen umgehen würde.
Die "Macher" des Sorgentreffs wurden auf sie aufmerksam und fragten, ob sie mitmachen wolle. "Ich hab drei
Tage überlegt, denn die Verantwortung ist groß und der Zeitaufwand auch. Mir war klar, dass ich nicht nach
zwei Wochen wieder aufhören kann, denn das Vertrauen ist schnell da".
Seit einem halben Jahr ist sie nun dabei, sitzt täglich am Computer, schaut sich die Beiträge der Besucher
an, "das können schon vier Stunden am Tag sein".
Einige Jugendliche richten sich mit ihren Fragen
direkt ans Team. "Das hat sich immer mehr verlagert auf Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden oder
Essstörungen haben. Es sind auch viele dabei, die sich selber verletzen", fasst die 20-Jährige ihre
Erfahrungen zusammen.
Grundkenntnisse hat sie sich im Psychologie-Leistungskurs an der Geschwister-Scholl-Schule angeeignet
und seitdem "aus Interesse" weitergelesen. Dass sie keine Therapeutin ist, weiß die 20-Jährige. "Wir können
nur anbieten, dass die Jugendlichen aus ihrer Isolation herauskommen und über ihre Probleme sprechen.
Allein sind sie oft überfordert".
Im Chat erfahren die Jugendlichen oft zum ersten Mal, dass sie mit
ihren Sorgen nicht alleine sind. Den ersten Schritt müssten sie dann selber gehen, sagt die Studentin.
"Wir würden gerne professionelle Beratung von einem Psychologen anbieten, denn da stoßen wir an unsere
Grenzen".
Derzeit ist der Verein Sorgentreff in Gründung, um über Spenden die Arbeit auf eine
breitere Basis stellen zu können.
Dass der Austausch im Internet anonym ist, senkt die Hemmschwelle. "Beim Chatten hat man das Gefühl, der
andere sitzt direkt neben einem, auch wenn er 600 Kilometer entfernt ist. Dabei seinem Gesprächspartner
nicht in die Augenschauen zu müssen, erleichtert das Gespräch", erläutert Susanne B.
Werden Beiträge zu verletzend oder auf andere Weise kritisch, werden sie herausgefiltert. "Wer andere
beleidigt oder sich lustig macht, fliegt raus."
Jenseits der Probleme werde aber auch viel gelacht, wie kürzlich beim Wichteln. Am 3. Advent öffneten
in ganz Deutschland 20 Teilnehmer ihr Geschenk, und die anderen waren online dabei. "Für viele ist der
Chat eine Art Familie."
(Nordsee-Zeitung, 24.12.2003)
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