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Ich wurde 13 Jahre lang missbraucht
Eine Userin des Sorgentreff e.V. bricht ihr Schweigen
Als Lena neun war, vergewaltigte sie ihr Stiefvater zum ersten Mal - der Beginn einer
unbeschreiblichen Tortur. Und ihre eigene Mutter schaute einfach weg…
Ein Mädchen lacht. Es wird von seinem Vater in die Luft gewirbelt. Geherzt. Geknuddelt. Lena(20)
beobachtet diese Szene durch das Fenster ihrer kleinen Wohnung. Sielächelt und gleichzeitig versetzt
der Anblick ihr einen Stich ins Herz, der ihr fast die Luft zum Atmen raubt. Sie kämpft gegen die
Tränen, gegen den Kloß in ihrem Hals. Die Fingernägel sind blutig geknabbert, die Schnitte an ihren
Unterarmen noch nicht verheilt. Mit gebrochener Stimme sagt sie: "Ich laufe immer noch dem Wunsch
hinterher, eine Mutter und einen Vater zu haben, die mich lieben und mir das Gefühl geben etwas wert
zu sein. Aber ich weiß, dass das niemals der Fall sein wird."
Lena wurde am 27. Juni 1985 in einer kleinen Stadt im Nordwesten Deutschlands geboren. Ihren
leiblichen Vater hat sie nie kennen gelernt - dafür ihren "neuen", ihren Stiefvater. Sie war zwei,
als ihre Mutter heiratete. Schnell war klar, dass Lena von diesem Mann nie Liebe, nie Geborgenheit
bekommen würde. Im Gegenteil. Als Lena sieben Jahre alt war, begann ihr Stiefvater sie zu belästigen.
Zwei Jahre später vergewaltigte er sie zum ersten Mal.
"Ihr Vater zeigte ihr, wie er angefasst werden will, was Genitalien sind und was man damit macht.
Das erste Mal im Alter von neun Jahren. Jahrelanges Schweigen aus Angst, Scham, sie fühlt sich selbst
schuldig." Diese Zeilen hat Lena über sich geschrieben - vor drei Monaten in der Therapie. Sie
beschreibt den Missbrauch durch ihren Stiefvater, als ginge es nicht um sie, sondern um ein anderes
Mädchen Namens Lena. Sie schreibt, als sei das alles nicht ihr passiert. Es ist, als würde sie
versuchen, vor all dem die Augen zu verschließen - so unerträglich ist die Erinnerung an den
Missbrauch. Lena: "Ich sehe ihn… wie alles anfing. Wie ich immer im Elternbett schlafen musste.
Jeden Tag. Wie er mich in den Schlaf streicheln wollte. Er hatte so besondere Worte für mich:
kleines geiles Ding und so. Dann musste ich ihm seinen Penis streicheln und ihn in den Mund nehmen.
" Noch heute bekommt Lena Würgereize, wenn man ihr an Glas Milch vorsetzt. Wie oft ihr Stiefvater
sich in den letzten 13 Jahren vergangen hat, kann sie nicht sagen. So etwas zählt man nicht, so
etwas verdrängt man. Doch das gelingt ihr leider nur selten.
Der Stiefvater, der Onkel, ein Freund der Familie - die Täter bei sexueller Gewalt stammen laut
polizeilicher Kriminalstatistik zu 80% aus dem sozialen Umfeld der Opfer. Jedes Jahr werden in
Deutschland rund 20 000 Kinder missbraucht - so wie Lena. "Ich wollte damals nach der Schule
immer gern raus, spielen, wie meine Freunde auch", erzählt sie. "Aber wenn mein Vater zu Hause
war, durfte ich nicht. Ich war sein Spielzeug. Als ich dann neun war, reichte ihm nur gucken und
anfassen nicht mehr, da war ich seiner Meinung nach reif. Ich sollte lernen, was eine Ehefrau
später machen muss. Gewaltsam spreizte er mir die Beine und presste seinen fetten Körper auf mich.
Es tat höllisch weh und ich blutete." Danach folgten Drohungen und Schläge, um Lena einzuschüchtern.
Ihr Stiefvater versuchte, seine Macht zu demonstrieren, um zu verhindern, dass sie mit irgendjemandem
über Missbrauch spricht.
Die Drohungen zeigten Wirkung. Lena schwieg - genau wie ihre Mutter. Von außen betrachtet, waren sie
eine glückliche Familie. Die Mutter war im Schulbeirat, kaufte ihrer Tochter immer die neuesten
Klamotten und tolle Geschenke. In Wahrheit aber versuchte sie damit, ihr Gewissen freizukaufen.
Denn gemerkt haben muss sie etwas, da ist sich Lena sicher. Sie wird niemals begreifen, warum ihre
Mutter nicht eingriff.
Warum sie sie nie beschützt hat, wenn sich mittags die Schlafzimmertür hinter ihrem Mann und ihrer
Tochter schloss. Wenn Lena nachts im Ehebett dort schlief, wo eigentlich ihr Platz gewesen wäre.
War es falsche Dankbarkeit? Dankbarkeit, dass dieser Mann eine Frau mit einem unehelichen Kind
geheiratet und damit die Schande von ihr genommen hatte? Lena weiß nicht, ob sie den wahren Grund
jemals erfahren wird. Seit sie sich in Therapie begeben hat, spricht ihre Mutter nicht mehr mit ihr.
Doch vor den Nachbarn spielt sie weiterhin heile Welt.
So wie Lena damals in der Schule. Je unerträglicher die Zustände für sie zu Hause wurden, desto
besser wurden ihre Noten. "Ich war froh, wenn es viele Arbeiten und Hausaufgaben gab. Lernen
brauchte ich nie. Ich gewöhnte mir an, während des Unterrichts total aufmerksam zu sein, weil
ich wusste, dass mein Stiefvater mir zu Hause zum Lernen keine Ruhe lässt." Doch um die
Glückliche-Familie-Fassade aufrechtzuerhalten, brauchte es mehr als gute Zeugnisse. Lena
lernte zu lügen und sich perfekt zu verstellen. "Es ging darum, spontan Ausreden zu erfinden
zu können. Warum ich blaue Flecken oder Schnitte hatte…"
Wunden, die sie sich selbst zufügte. Es fing damit an, dass sie für ihren Stiefvater möglichst
unattraktiv sein wollte, in der Hoffnung, dass er von ihr ablassen würde. Sie versuchte, ihr
"Heranreifen" zu verstecken, wenn möglich sogar aufzuhalten. Sie aß nur wenig, und wenn, dann
erbrach sie es wieder. Ihre Unterleibsschmerzen nach dem Missbrauch betäubte sie mit Tabletten
aller Art. Ihre Mutter merkte zwar, dass Medikamente verschwanden, aber statt mit ihr darüber
zu reden, füllte sie stumm die Vorräte auf. Lena: "Dabei hätte sie sehen müssen, dass ich vor
Schmerzen oft kaum noch gehen konnte. Ich war noch ein Kind und er wog 120kg" Doch dabei blieb
es nicht. In ihren Aufzeichnungen schreibt sie: "Lena flüchtete in rote Tränen."
Ihre Umschreibung dafür, dass sie sich selbst mit Rasierklingen schnitt.
In der Therapie hat Lena gelernt, mit der kranken Sehnsucht nach Selbstverletzung besser umzugehen.
"Wenn ich merke, dass ich den Drang verspüre, mich zu verletzen, versuche ich nach und nach, meinen
Notfallplan, den ich mit meiner Therapeutin erstellt habe, abzuarbeiten, bis ich auf etwas stoße,
was den Drang lindert. Das sind Dinge wie Musik hören oder ganz bewusst meine Beine einschlafen
lassen, indem ich mich in den Schneidersitz setze." Lena weiß, dass ihr schon ein großer Schritt
gelungen ist, die Mauer des Schweigens um sich herum einzureißen. Ohne anonyme Internetforen wie
Sorgentreff e.V. hätte sie das nicht geschafft. "Wenn du merkst, dass du kein Einzelfall bist und
es vielen genauso geht, macht dir das unheimlich Mut. Außerdem hat man mir geholfen, zu Hause raus
zukommen. Vor drei Monaten bin ich dann endlich ausgezogen."
Ob sie ihren Stiefvater anzeigen wird, weiß Lena noch nicht. Noch hat sie nicht die Kraft, ihm zu
begegnen. "Letzte Woche ist hier ein neuer Nachbar eingezogen", erzählt sie. "Er ähnelt meinem
Stiefvater sehr. Groß, dick - einfach eklig. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, läuft der Film von
damals wieder in meinem Kopf ab und ich komme mir klein und schutzlos vor. Am liebsten würde
ich weglaufen. Meine Therapeutin sagt jedoch, dass man das nicht tun darf. Sie hat Recht, denn
die Therapie holt vieles hervor, von dem ich dachte, dass es mir nie wieder so wehtun wird wie
damals. Doch manches ist heute noch viel schmerzhafter, weil ich endlich gelernt habe, es richtig
zu fühlen. Aber niemand fragt, ob man diese Gefühle auch aushalten kann. Man ist zwar nicht allein,
hat Menschen zum Reden, aber der Schmerz bleibt. Und es gibt wohl kaum ein Pflaster, das groß genug
ist, diese Wunden zu heilen."
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