Presse
Wir tun was
In Wirklichkeit heißen sie Sandra und Merle. Im Internet nennen sie sich "IceQ" und "Chewy".
Zuhören können sie im richtigen Leben genauso gut wie in der virtuellen Welt. Die beiden sind
ehrenamtliche Beraterinnen im Portal www.sorgentreff.de - einem Online-Kummerkasten für Jugendliche.
Vor eineinhalb Jahren gründete die Berliner Webdesignerin Susanne Baukrowitz den Sorgentreff im
Internet.
Merle (19) aus Lippstadt und Sandra (17) aus Paderborn waren sofort dabei. Sie halfen
beim Aufbau des Portals und schrieben Texte für die Site - manchmal bis spät in die Nacht.
Dabei kennen sie sich aus einem anderen Sorgen-Chat. "Ich war damals öfter im Chat, weil ich
Depressionen hatte", erinnert sich Sandra. "Ich habe mich selbst verletzt und dachte sogar an
Selbstmord." Die anderen Chatter machten ihr Mut, in eine Beratungsstelle zu gehen und eine
Therapie anzufangen.
Inzwischen geht es Sandra viel besser. Nur die Narben auf ihren Armen erinnern noch an die schwere
Zeit. Heute ist sie es, die anderen Mut macht. Wie Merle und weitere Ehrenamtliche ist sie bis zu
drei Stunden täglich im Sorgentreff und chattet mit hilfesuchenden Jugendlichen oder beantwortet
Fragen im Forum. Alles unentgeltlich neben der Schule.
Von Angst bis Zoff
"Bei uns wissen die Jugendlichen, dass wir ihre Probleme nachvollziehen können", erklärt Merle.
"Wir sind fast gleich alt und haben selbst einiges durchgemacht." Ob Zoff mit Freunden oder Eltern,
Angst, Liebeskummer, Selbstverletzungen, Essstörungen, Missbrauch: "Wir wollen ermutigen über
Probleme zu sprechen", sagt Sandra. " Das ist oft der erste Schritt aus der Isolation."
Nicht immer hilf chatten allein. Merle: "Wir können nur Mut machen, etwas zu verändern und sich -
wenn nötig - Hilfe im realen Leben zu holen. Wir wollen Perspektiven aufzeigen und helfen Probleme
aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Aber wir können keine Therapie ersetzen."
In der Anonymität des Internets fällt es vielen leichter, ihr Schweigen zu brechen, haben "IceQ"
und "Chewy" beobachtet. Hier gibt es Leute mit ähnlichen Problemen. Und die Betroffenen erfahren,
wie andere die Krise gemeistert haben. Dadurch fassen viele den Entschluss, es selbst zu versuchen.
Das passt zum Motto des Sorgentreffs: "Hilfe zur Selbsthilfe".
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